Die Zahl meiner Kindheit war die 3. Diese 3 war rot oder gelb. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Obwohl ungerade war sie eine harmonische Zahl. Eine Zahl, der zur optischen Vollkommenheit der 8 (die liegend wiederum unendlich wäre) nur die Spiegelung an der vertikalen Achse fehlte. Mit dieser 3 geschah aber im Laufe der Zeit etwas, sie verwandelte sich: Von den beiden volltönend geschwungenen Bäuchen verändert sich der obere. Ich schrieb ihn auf einmal mit einer spitzen Ecke. Das war vermutlich der Vorgriff auf die Zahl, die von nun an – ich nehme an, es war etwa ab dem Beginn der Pubertät – meine Zahl werden sollte. Die 7. Und die 7 ist es bis heute geblieben. Man könnte sagen, die 3 war das Ei, an dessen Schale später die 7 pickte, um herauszuschlüpfen.
Bevor ich fortfahre, möchte ich betonen, dass meine Zahlen nicht von irgendeiner tieferen Kenntnis der Zahlenmystik inspiriert sind (3 | 7), ich habe bewusst nicht nachgeschaut, ich spreche hier nur von meiner eigenen Handschrift, von meinen Farben, meinen Tönen.
Meine 7 ist auf den ersten Blick keineswegs vollkommen, im Gegenteil, ich empfinde sie als leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Man muss sie schon sehr exakt aufmalen, damit sie nicht ins Ungleichgewicht gerät und beispielsweise nach hinten überkippt. Ihre Spitze rechts oben – die Spitze, die sich offenbar in meiner Übergangs-3 ankündigte – gibt mir einen leichten Stich. Andererseits ist dieser Winkel natürlich recht stumpf, vergleichsweise angenehmer also als der bei der 1. Zugleich strebt die 7 aber auch nach einer verborgenen Harmonie, die sich in der Länge der beiden Schenkel ausdrückt. Ich nehme an, bei der idealen 7 verhalten sich die beiden Strecken im Verhältnis des Goldenen Schnitts zueinander. Ach ja, die 7 besteht nur aus Strecken, sie kommt ohne Bögen aus. Sie ist klar, einfach, zielstrebig, gradlinig, reduziert. Höchst sparsam, möchte ich fast sagen. Vielleicht zeichnen manche Menschen deshalb noch einen Querstrich in die aufsteigende Strecke, weil sie diese Klarheit schwer ertragen können. Vielleicht ist das aber auch eine Art Balancierstab gegen Gleichgewichtsprobleme. Meine 7 jedenfalls kommt trocken und nüchtern ohne diesen Strich aus.
Bisher schrieb ich die Zahlen hier als Ziffern hin. Erstaunlich finde ich aber folgendes: Schreibe ich die Sieben aus, so erscheint sie mir ebenfalls ein wenig spitz und doch zugleich auf den zweiten Blick harmonisch. Nüchtern, spartanisch, ohne alles Barocke.
Ich sagte bereits, dass die 3 für mich rot war. Etwa gleichzeitig mit der 7 kam dann ein Grün als Lieblingsfarbe in meine Welt. Auch mein Grün hat eine merkwürdige Ambivalenz, es ist einerseits satt und warm, andererseits durchaus auch ein wenig grell, eine Signalfarbe. Im Laufe der Zeit trat teilweise ein tiefes Blau an seine Seite. Heute würde ich sagen, die Farbe meiner 7 ist ein angenehmes, nicht zu kräftiges und aggressives, an den Rändern vielleicht sogar leicht ausgewaschenes Türkis.
Blieben die Töne. Ich erwähnte schon, dass ich die 3 als volltönend empfinde. Vermutlich entspräche sie einem Blechblasinstrument, möglicherweise einer Posaune oder gar einer Tuba. Die 7 dagegen ist auch im Ton etwas spitzer, sie hat wesentlich mehr Obertöne, vielleicht wäre es eine Klarinette, eher noch ein Geige. Keine Musik zum Einschlafen, sondern zum Wachbleiben.
Ich danke Ralph für den Anstoß. Wer selbst ein wenig nachspüren will, betrachte es ruhig als Stöckchen.
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Was für ein schön zu lesender und phantasievoller Text! Zum Geniessen! Danke fürs Mitmachen. :-)
— ralph · 18. April 2008 · #
Ich weiß natürlich, was du mit “phantasievoll” meinst, Ralph, muss aber noch mal dazusagen, dass nichts “ausgedacht” ist. Deine Aufgabenstellung hat mich einfach dazu gebracht, an ein paar Abenden vor dem Einschlafen intensiv drüber nachzusinnen, “wie das alles war”; und über die kleine Metamorphose, die ich dabei im Dunkeln aufgestöbert habe, war ich selbst sehr überrascht.
Insofern gebührt der Dank wirklich dir. Zumal du mir damit eine wertvolle Anregung gegeben hast, was man überhaupt in ein Blog schreiben könnte. (Man hat da im Laufe der Jahre immer mal wieder so Absichten, vergisst das aber allzu leicht wieder, wenn man sich nicht in einer Stöckchen-Bringschuld fühlt.)
— Andreas · 18. April 2008 · #
Diese Erfahrung, was einem überraschenderweise beim Nachdenken so alles einfällt, kenne ich gut – mir passiert das beim Schreiben, da ich nicht wirklich ohne Schreiben nachdenken kann, weil ich wohl zuviele Themen im Kopf habe und bei einem nicht bleiben kann; also muss ich mich mit Schreiben disziplinieren ;-).
In der Frühzeit meines Studiums hatte ein Schlüsselerlebnis, als ich ein Referat halten sollte und das Gefühl hatte, ich wüsste nichts. Ich war am Ende völlig baff, was da alles aus mir herausgesprudelt kam und wie ich die Runde leidenschaftlich in eine Kontroverse verzettelte (Duerr versus Elias). Dabei hatte ich in dieser Zeit einen Riesenbammel davor, vor einer Gruppe zu reden. Der war plötzlich wie weggeblasen.
Beim Schreiben tritt dieses “Aus dem Dunklen treten” dann auf, wenn ich mich wirklich auf ein Thema einlasse. Da ergibt das eine das andere, obwohl ich zuvor befürchtete, dass mir nicht viel einfallen würde. Beizeiten werde ich das mit einem weiteren Thema auf rare.de versuchen. ;-)
— ralph · 19. April 2008 · #